Die zwei Businesswelten der Jasmin H.

Erstellt: 10.02.2016
Veröffentlicht in: Menschen

Einst arbeitete sie für eine Fluggesellschaft. Heute bringt Jasmin Heeb in ihrem Geschäft in der Europaallee Passage gut gefüllte Kleiderstangen zum Schweben, während darunter dreimal täglich Yogalektionen stattfinden. Zu Beginn unseres Gesprächs werden gerade die Yogamatten zusammengerollt, die Kleiderstangen sinken über ein Flaschenzugsystem zurück zum Boden. Lola | Fred verwandelt sich vom Yogastudio zurück in einen Kleiderladen. Mit einer Hand hält Jasmin Heeb ihr vegetarische Mittagsessen, mit der anderen bedeckt sie ihre Stirn.

Schön Sie zu sehen, Frau Heeb.
Danke, ich freue mich auch – aber bitte fotografieren Sie mich noch nicht!

Warum?
Ich komme eben von der Massagebank und habe von der Kopfstütze einen fetten Abdruck auf der Stirn (lacht).

Das lässt auf ein entspanntes Gespräch hoffen.
Sehr gern. Wissen Sie, mit meiner jetzigen Geschäftspartnerin Susanne Spirig arbeitete ich früher bei einer grossen Fluggesellschaft in der Verkaufs- und Marketingabteilung . Wir waren ständig auf Achse und erschöpft vom Jetlag. Heute sind wir für Lola | Fred verantwortlich, kommen zwischendurch aber regelmässig dazu, etwas für unser Wohlbefinden und Gesundheit zu tun.  

Woher stammen Sie ursprünglich?
Ich bin im Rheintal in ländlicher Umgebung aufgewachsen und für meinen beruflichen Start in der Reisebranche nach Zürich gekommen. Bereut habe ich diesen Schritt nie.

Warum haben Sie Ihren gutdotierten Job dennoch irgendwann gekündigt?
Das war gut sieben Jahre später. Mich reizte vor allem die Modebranche, deshalb habe ich an der Schweizerischen Textilfachschuhe eine Weiterbildung gemacht. Das Thema der Semesterarbeit war ‚Megatrend’ und da wusste ich sofort, dass ich über Yoga und Yogabekleidung schreiben wollte

Wie kamen Sie auf das Thema?
Durch meinen Kontakt mit Susanne: Sie hatte mittlerweile ebenfalls gekündigt, Zugang zu Yoga gefunden und eine erste eigene Kollektion mit Yogamode entworfen. Damals gab es wenige Yogastudios und kaum passende Bekleidung.

Von da an haben Sie zusammengespannt?
Ja, aber zunächst eher hobbymässig. Denn Susanne hat in einem Architekturbüro gearbeitet, ich im Einkauf einer Online-Fashionplattform. Wir haben unsere Mode an Freunde und über Yogastudios verkauft, später eine Internetseite gegründet. Das private Wohnzimmer wurde zum Lager umfunktioniert

Wie sind Sie in der Europaallee gelandet?
2011 erfuhren wir, dass hier im Baufeld A eine Sport- und Erlebniswelt geplant ist. Susanne rief mich an und sagte: „Stell Dir vor, wir hätten dort einen Store!“ Ab da waren wir Feuer und Flamme für diese Idee.

Wussten Sie sofort, wie ihr Geschäft aussehen soll?
Ja, wir wollten Yoga pur anbieten, also ohne Esoterik und Räucherstäbchen, dafür in Verbindung mit alltagstauglicher Mode. Etwas ähnliches hatten wir zuvor nur in den USA gesehen. Im ersten Bewerbungsgespräch waren wir noch ohne Businessplan, hatten aber bereits konkrete Vorstellungen, die den Verantwortlichen gefielen. Im August 2011 wurde uns zugesagt, dass wir im September 2012 unser Geschäft in der Europaallee eröffnen dürfen. Wir haben daraufhin unsere Firma gegründet und eine neue Kollektion für 200 Quadratmeter Fläche designt.

Neben Ihren Vollzeitjobs?
Na klar, erst drei Monate vor der Eröffnung haben wir diese gekündigt und die Bauleitung für den Rohbau übernommen, also den Elektrikern gesagt, welche Leitungen wohin sollen, die Wände bis in sieben Meter Höhe selbst gestrichen, passende Flaschenzugssysteme für unsere Kleiderstangen besorgt und vieles mehr. Es war ein bisschen so, als würden wir ein Haus bauen. Eine Woche vor der Eröffnung war das Geschäft fertig.

Was werden Sie von neuen Kunden am häufigsten gefragt?
«Sind Sie die Lola?» (lacht.) Ich erkläre dann, dass unsere Namenswahl einfach eine moderne Interpretation von Ying und Yang ist.

Mittlerweile haben Sie zwölf Yogalehrer unter Vertrag.
Ja, wir haben uns bei der Auswahl viel Zeit genommen und dabei ist eine interessante Mischung herausgekommen: Einer unserer Yogalehrer ist zum Beispiel gleichzeitig DJ, ein anderer war vorher Profiballetttänzer in New York.

Und laufen die Geschäfte?
Also anfangs brauchte es etwas Klärungsbedarf, da niemand in der Schweiz etwas ähnliches kannte. Dadurch hatten wir vom Beginn weg viel Aufmerksamkeit durch die Medien. Viele Leute sind fasziniert davon, dass wir zwei Welten in einem Geschäft geschaffen haben. Dass man bei uns an einem zentral gelegenen Ort unter kundiger Leitung etwas für Körper und Geist tun kann, wird inzwischen von einem sehr vielfältigem Publikum geschätzt, von Businessleuten fürs Timeout am Mittag bis zu Studenten oder Hausfrauen, welche die ruhige Lounge-Atmosphäre beim Yoga schätzen

Werden Ihre Kleider ebenfalls geschätzt?
Ja, inzwischen haben wir viele Stammkunden. Unsere Kollektion macht ja den Hauptteil des Geschäfts aus und Ziel ist es, dass unsere Stücke neben dem Sport, den man darin machen kann, alltagstauglich sind. Deshalb kaufen bei uns auch Menschen, die kein Yoga machen. Es sind einfach Sachen die man gern auf der Haut trägt – und alles fair produziert sowie aus biologischen Materialien, z.B. Leggins aus 100 Prozent recycelten PET-Flaschen oder Shorts aus Bambusfasern. In der Herstellung arbeiten wir mit einem Familienbetrieb in Portugal zusammen und machen alles selber: vom Stoff färben, veredeln und verpacken bis zum Anbringen der Labels.

Wie schön, Portugal!
Ja, das ist ein tolles Land. Demnächst fliege ich wieder hin, um die Prototypen unserer neuen Kollektion vor der Fertigung zu begutachten. In diesem Bereich kennen wir alle Mitarbeitenden vor Ort persönlich.

Die Schweiz ist dennoch kein leichter Markt für Textilien, oder?
Das stimmt, aber ich denke wenn wir es hier schaffen, dann schaffen wir es überall. Mittelfristig würden wir gern auch im Ausland einen Store eröffnen. Susannes favorisiert Melbourne, ich träume von New York, denn in diesen Grossstädten achten die Leute extrem auf nachhaltige Produkte.

Haben Sie einen Lieblingsort in der Europaallee?
Momentan gehen Susanne und ich supergern ins Jack&Jo, weil es dort feinen organic food hat.

Text und Bilder: Heiko Meyer