Salvatore Viceconte: Beruflich flexibel und sein eigener Chef.

Erstellt: 22.06.2015
Veröffentlicht in: Menschen

Salvatore Viceconte verabreicht seinem Gast zur Begrüssung einen extra starken Espresso – mit einem Schuss Cognac: „Nur ein Tröpfchen, das weckt die Lebensgeister!“ Ruhig ist es an diesem Vormittag in der Schuhmacherei an der Lagerstrasse, lediglich eine Kundin bringt ein Paar Schuhe zur Reparatur. Die Gelegenheit für ein Sofa-Gespräch im hinteren Teil des Ladens.

Salvatore Viceconte, wieso sind Sie Schuhmacher geworden?
Ich bin in Episcopia in der Region Basilicata in Süditalien aufgewachsen. Als Kind habe ich regelmässig in den Sommerferien meinen Patenonkel besucht. Er hatte eine kleine Schuhmacherei und hat die kaputten Schuhe seiner Kundschaft in stundenlanger Handarbeit geflickt, genäht oder neu besohlt. Maschinen konnte er sich nicht leisten. Der Umgang mit Leder und die Liebe zum Detail haben mich fasziniert.

Ihre Ausbildung zum Schuhmacher war danach beschlossene Sache?
Nein, erst habe ich Agrotechniker gelernt. In unserer ländlichen Umgebung rechnete ich mir damit gute berufliche Chancen aus. Ich kann Ihnen beispielsweise eine ertragreiche Orangenplantage planen und realisieren oder einen Bauernhof mit allem Drum und Dran. Nach der Ausbildung habe ich in der Branche aber keinen Job gefunden.

Wie ging es weiter?
Mein Vater hatte eine kleine Baufirma, die nach seinem frühen Tod einer meiner Brüder übernahm. Bei ihm habe ich als Maschinist gearbeitet und dabei ein Gespür für Technik bekommen, was mir auf meinem weiteren beruflichen Weg sehr geholfen hat. Genau wie meine grosse Familie – ich habe drei Schwestern und drei Brüder.

Inwiefern?
Als mein Bruder die Baufirma 1986 notgedrungen schliessen musste, holte mich eine meiner Schwestern zu sich nach Deutschland. In Bendorf bei Koblenz habe ich acht Monate als Pizzabäcker gearbeitet. Noch heute schmerzt mir oft die Stirn, als Folge des heissen Backofens, an dem ich damals hantieren musste.

Der Job als Pizzabäcker war also nicht die Erfüllung?
Genau. Deshalb habe ich sofort zugegriffen, als ich einen Tipp von meiner anderen Schwester bekam, die mittlerweile in Dübendorf in der Schweiz wohnte: Sie kannte einen Landsmann, der von einem frisch aufgesetzten Arbeitsvertrag zurückgetreten ist. Wir haben sofort bei der Firma angerufen und mich als Ersatz angeboten. Das hat funktioniert, ich bin nach Konolfingen bei Bern gezogen und habe die nächsten sechs Jahre als Kranführer auf Baustellen in der Schweiz gearbeitet. Das hat auch Spass gemacht, aber wann immer ich zwischendurch Dinge aus Leder in die Hand bekam – Geldbörsen, Jacken, Schuhe – verspürte ich grosse Lust, mit diesem Material zu arbeiten.

Wann ging Ihr Wunsch in Erfüllung?
Ein Kollege meiner Schwester arbeitete als Supervisor bei Mister Minit. 1993 hat er mir dort einen Job besorgt. Danach war ich acht Jahre Filialleiter bei Mister Minit im Shopville-Zürich Hauptbahnhof. Bis ich 2001 den Traum vom eigenen Geschäft verwirklichen konnte: In der Magnusstrasse im Kreis 4. Dort lief es sehr gut, bis der italienische Besitzer das Gebäude verkaufte und sein Nachfolger Eigenbedarf anmeldete.

Und dann?
Ich war ein bisschen in Panik und habe mich nach einer Alternative in der Umgebung umgesehen. So bin ich auf die Europaallee gestossen. 2013 konnte ich bei der SBB den neuen Laden mieten. Super ist die Nähe zu meinem alten Geschäft, dadurch konnte ich viele Stammkunden halten. 2014 war ein gutes Jahr, seit Beginn diesen Jahres ist weniger los.

Welche Tätigkeit verrichten Sie am liebsten?
Viele Leute bringen mir ihre Lieblingsschuhe vorbei, wenn diese beinahe auseinanderfallen. Sie erzählen mir kleine Geschichten dazu und ich weiss, ihr Herz hängt daran und nachher freuen sie sich extrem, wenn sie ihre alten Schuhe von mir wie neu zurückerhalten. Deshalb arbeite ich sehr gern an diesen Liebhaberstücken. Das ist ein bisschen so, als würde man alte Autos restaurieren.

Es gibt den Spruch, dass Schuster selbst die schlechtesten Schuhe tragen. Trifft das bei Ihnen zu?
(Lacht) Nein, das würde mir meine Frau nicht durchgehen lassen.

Wie und wo entspannen Sie?
Am liebsten zuhause mit meiner fünfköpfigen Familie.

Was zeichnet die Europaallee für Sie aus?
Ich finde, die Europaallee wird langsam zu einem lebendigen Quartier und mir gefällt der Mix der verschiedenen Geschäfte. Besonders der grosse Coop ist gut, da kaufe ich jeden Tag ein, denn ich koche mir Mittags immer etwas im Laden.

Was fehlt Ihnen noch im neuen Stadtteil Europaallee?
Ein italienisches Restaurant wäre gut. Dann würde der Herd in meinem Laden zwischendurch auch mal kalt bleiben.

Text und Fotos: Heiko Meyer