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Geschichtenerzählerin à la mode.

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Menschen

Andrea Schiess ist frisch ausgebildete Fashion-Designerin und Geschäftsführerin der Boutique GRIS – Alliance des Créateurs Suisses, in der Europaallee 33. In dem Anfang 2014 eröffneten Concept Store für Schweizer Mode und Design bietet die Ostschweizerin mit Ihrem Team ausschliesslich Produkte von Schöpfern aus der Schweiz an. Die wohl einzige Ausnahme bilden die grandios buttrigen Croissants, welche Schiess zum Auftakt unseres Gesprächs serviert.

Frau Schiess, Modemacher und Designer stehen normalerweise in Konkurrenz untereinander, auch eine gemeinsame Nationalität ändert daran wenig. In Ihrem Geschäft verhält es sich etwas anders.
Ja, denn gemeinsam sind wir stärker. Kunden, die sich für die Schweizer Modeszene interessieren, sollen dafür nur an einen Ort reisen müssen. Momentan führen wir gut 30 Labels und zeigen damit die grösste Auswahl an führendem Schweizer Design – weltweit! Weil wir viele Stilrichtungen anbieten, harmoniert das Ganze miteinander und wir können Synergien nutzen, indem die Kunden zum Beispiel verschiedene Marken miteinander kombinieren. Wir sind ein Shop-in-Shop-Konzept. Das bedeutet, bei uns kann man Präsentationsfläche mieten und wir übernehmen Verkauf, Merchandising und Kommunikation. Gerade für kleine Firmen ist dies eine super Chance, kontinuierlich Präsenz zu zeigen.

Auch langfristig?
Unbedingt! Bitte verwechseln Sie das Konzept nicht mit den in Mode gekommenen Pop-up-Stores. Im Gegensatz dazu sind wir sehr an langfristigen Beziehungen interessiert. Wir sind in die Europaallee gekommen, um zu bleiben. Diese Kontinuität möchten wir auch unseren Kunden vermitteln.

Speziell ist, dass Sie Bekleidung mit diversen anderen Schweizer Produkten kombinieren.
Richtig, unser Hauptfokus liegt auf Bekleidung. Daneben führen wir aber auch Lederaccessoires für sie und ihn, Schmuck – unter anderem aus dem 3D-Printer –, Porzellan nach alter Handwerkskunst und Bücher, die gut in unser Konzept passen. Beispielsweise ein Buch über das junge Schweizer Unternehmen Werenbach, welches Uhren aus den Resten russischer Sojus-Trägerraketen herstellt, die wir ebenfalls im Geschäft führen. Als vergangenes Frühjahr die „wandernden“ Europaallee-Pflanztröge vor unserer Tür standen, hatten wir Bücher wie „Die essbare Stadt“ im Sortiment.

Wie reagieren Ihre Kunden darauf, dass Sie zu fast jedem Stück eine Geschichte erzählen können?
Die Leute lieben das – und ich selbst auch! Deshalb erzähle ich diese Geschichten mit Leidenschaft. Etwa von den zwei Damen, die in Thun eine eigene Manufaktur aufgebaut haben und ihre Kleider dort selbst nähen. Oder über unsere Schals mit Motiven, welche Weltallsonden von der Erde gemacht haben, inklusive der zugehörigen Koordinaten. Solche Details machen Spass und schärfen den Blick auf diese Unikate.

Schweizer legen grossen Wert auf Nachhaltigkeit und transparente Herstellungsbedingungen. Sind die inländischen Labels darauf eingestellt?
Absolut. Ich höre sehr oft Fragen wie: «Woher kommt der Stoff?» oder «Ist die Ware hier genäht?». Tatsächlich sind rund 70 Prozent unserer Waren in der Schweiz hergestellt, der Rest überwiegend im umliegenden Europa. Dadurch ist der Nachweis leichter, als etwa bei Erzeugnissen aus Fernost.

Bekamen Sie die «Swissness» in die Wiege gelegt?
(Lacht) In gewisser Weise schon. Ich bin in der Bodenseeregion aufgewachsen, mein Vater hat dort ein mittelständisches Familienunternehmen gegründet und aufgebaut. Die Firma hat unter anderem das Getriebegehäuse für die Formel-1-Rennwagen des Sauber-Teams hergestellt oder auch die Neigesteuerung der ICN-Züge.

Das tönt spannend, hat aber wenig mit Mode zu tun.
Ja, aufgrund meiner Familientradition habe ich zunächst auch eine kaufmännische Ausbildung gemacht. Anschliessend bin ich bei einer Ostschweizer Ladenkette eingestiegen. Da ich gut Französisch spreche, durfte ich für diese regelmässig Mode-Einkäufe in Paris tätigen. Mit gerade einmal 18 Jahren war das ein Traum: Mit dem Privatjet nach Paris fliegen, dort ein bisschen arbeiten, gut essen und überall schöne Klamotten geschenkt bekommen…

So lernt man die Mode lieben.
Das ist so. Kurz darauf habe ich in Gossau die Geschäftsführung für eine Boutique übernommen, mit Einkauf, Verkauf, Kundenbetreuung und Personaleinteilung.

Sehr viel Verantwortung.
Sicher, aber der Job hat mir irrsinnig Spass gemacht. Nach zwei Jahren habe ich mich wieder auf mein zweites Standbein besonnen und bin als Kauffrau ins Unternehmen meines Vaters eingestiegen. Dort habe ich mich innert zehn Jahren vom Backoffice zur Leiterin der Finanzen und zum Mitglied der Geschäftsleitung hochgearbeitet. Als vor der Pensionierung meines Vaters die Nachfolgerregelung anstand, entschied ich mich jedoch, andere Wege zu gehen.

Zurück in die Modebranche.
Richtig. Ich bin von Akris in St. Gallen engagiert worden, dem wohl einzigen international erfolgreichen Schweizer Modeunternehmen im Luxussegment. Dort habe ich zuerst im Verkauf gearbeitet und später Schaufensterkonzepte für Boutiquen weltweit gemacht. Anschliessend durfte ich den hauseigenen Webshop aufbauen. Gut fünfeinhalb Jahren später habe ich mir dann einen lang gehegten Mädchentraum erfüllt: eine berufsbegleitende Ausbildung zur Fashion Designerin an der Schweizerischen Textilfachschule. Während des Studiums bin ich hier bei GRIS eingestiegen. Zunächst als Ferienvertretung, ab März 2015 als Geschäftsführerin und Teilhaberin.

Gris bedeutet grau – warum die Namenswahl?
Vom Malkasten aus der Kindheit wissen wir: Wenn man alle Farben mischt, ergibt dies immer grau. Weil bei uns im Laden viele Stilrichtungen vertreten sind und wir ein buntes Angebot für eine grosse Anzahl von Zielkunden bieten, passt dies zu uns.

Wie läuft ein klassischer Einkauf in Ihrem Geschäft ab?
Kunden, die zu uns kommen, bringen meist genügend Zeit mit und bekommen während des Einkaufs einen Kaffee, am Samstag auch schon mal Schoggi-Cake gereicht. Ich bin froh, dass wir uns mittlerweile eine treue Stammkundschaft aufbauen konnten, die sich in Sachen Schweizer Mode regelmässig auf den neuesten Stand bringen lässt. Und natürlich dürfen die Leute auch gern hereinschauen, ohne jedes Mal etwas zu kaufen. Durch die Baustelle direkt vor unserer Tür hat es allerdings noch nicht die Frequenz, die wir uns wünschen.

Haben Sie in der Europaallee einen Lieblingsort fürs Feierabendbier?
Ja, ich gehe gelegentlich ins Neo, gleich nebenan. Bei bestimmten Anlässen besorgt Neo übrigens das Catering für uns. Überhaupt spannen wir Kleingewerbler in der Europaallee regelmässig für Projekte zusammen – so zur Zeit für die Erlebniswochen in der Europaallee.

Sind eigentlich Männer oder Frauen die einfacheren Kunden?
Männer sind in der Regel ein bisschen unkomplizierter und offen für Vorschläge. Im besten Fall sagen sie am Schluss eines Beratungsgesprächs: «Ok, ich nehme alles».

Text und Fotos: Heiko Meyer